Der Arbeitsplatz des Carl Blohm in Halle – Das Gaswerk Giebichenstein

Aktualisierter Stand: 24.12.2012

Das Gaswerk Giebichenstein[1] wurde 1897 durch die Kesselschmiede, Maschinenfabrik und Metallgießerei Carl Francke[2]  in Bremen am Angerweg östlich der Bahnstrecke Halle- Halberstadt errichtet und diente der Versorgung der halleschen Vororte Giebichenstein, Trotha und Kröllwitz. Die räumliche Nähe des Gaswerks zur Eisenbahn war bewusst gewählt und diente hier wie an anderen Gaswerkstandorten der einfachen Versorgung mit der für die Gaserzeugung notwendigen Steinkohle. Auf dem selben Wege konnten auch die im Erzeugungsprozess anfallenden Koks- und Aschemengen abtransportiert werden, wenn sie nicht vor Ort verbraucht wurden.

Gaswerk Giebichenstein. Zwei Ansichten. Undatiert.

Gaswerk Giebichenstein. Zwei Ansichten. Undatiert.

Der Betrieb war im Besitz der Aktiengesellschaft Gaswerk Giebichenstein[3]. Nach der im Jahre 1900 erfolgten Eingemeindung dieser drei Vororte in die Stadt Halle wurde das Unternehmen nun auch in den Akten des Magistrats der Stadt Halle erfasst. Es handelt sich im Einzelnen um eine Akte zur Gemeinde-Einkommensteuer-Veranlagung (1900-1917, Bestand A 2.13 Finanzen Nr. 177 Bd.1)[4] mit für diese Veranlagung einzureichenden Bilanzen und Geschäftsberichten, eine Akte der Polizeiverwaltung zu Fragen der technischen Sicherheit der Betriebsanlagen (1904, Bestand A 1.3 Polizeiverwaltung Tit. 28 Kap. A Nr. 372)[5] sowie schließlich eine Akte betreffend den Ankauf des Gaswerks Giebichenstein (Bestand A. 2.19 Grundeigentumsverwaltung, 1904-1910)[6].

Die dort dokumentierten Bestrebungen zum Ankauf des Gaswerks durch die Stadtgemeinde blieben (trotz eines bereits 1902 vorgelegten Angebots der Firma Carl Francke) bis 1921 ohne Erfolg. Im Jahre 1909 wurde zwischen der Stadtgemeinde Halle und der Aktiengesellschaft Gaswerk Giebichenstein ein Vergleich über die Gasversorgung und die hierfür zu erhebenden Preise geschlossen (U 3 Vertragsabteilung, Kap. I Abt. Ad Nr.6)[7].

Der Ankauf des Gaswerkes erfolgte schließlich im Jahre 1921 zum (inflationsbedingt hohen) Preis von 1,5 Millionen Mark. Nach der Übernahme durch die Stadt am 1. September 1921 wurde das Werk stillgelegt. Die Anlage dient danach als Behälterstation, von wo aus der Netzbetrieb für den Norden Halles und die öffentliche Gasbeleuchtung in ganz Halle gesteuert wurde.

Alle relevanten Betriebsdaten des Gaswerks Giebichenstein finden sich beispielsweise im „Jahrbuch der Gaswerke Deutschlands 1913/14“. Daraus stammen das nachstehende Titelblatt mit dem von mir darin eingefügten Eintrag für das Gaswerk Giebichenstein.

Jahrbuch der Gaswerke Deutschlands 1913/14 (Giebichenstein)

Jahrbuch der Gaswerke Deutschlands 1913/14
Mit freundlicher Genehmigung von Oliver Frühschütz, Augsburg

Mir bekannt gewordene Erwähnungen des Unternehmens erfolgten auch in den Jubiläumsschriften „75 Jahre Gaswerke 1856-1931″[8] und „1856-1956 – 100 Jahre Gasversorgung Halle“[9].

Beide Schriften enthalten auch Bilder des Gaswerks (der Behälterstation), auf denen heute noch am Standort Geschwister-Scholl-Straße 35 in Halle (Saale) teilweise vorhandene Gebäude sichtbar sind (siehe oben auf dieser Seite). Lediglich der Gasbehälter ist davon heute nicht mehr vorhanden. Das Haupt- sowie verschiedene Nebengebäude (eins mit markantem Turmanbau) sind auf dem u.a. Luftbild[10] erkennbar.

Gaswerk Giebichenstein Standort

Geschwister-Scholl-Straße 35 in Halle/Saale. Ehemaliger Standort des Gaswerks Giebichenstein (1897-1921)

Das Gebäude links im Bild war seinerzeit die Wohnadresse des Carl Blohm und existiert noch heute als Wohnhaus. Carl Blohm lebte nicht nur während seiner Tätigkeit in Giebichenstein sondern nachweislich auch andernorts (beispielsweise in Kitzingen) in Häusern, die zum Werksgelände gehörten.

(Quellen nachstehend sowie als Link zum jeweiligen Begriff / Zitat im Text hinterlegt.)


[2] Carl Francke aus Bremen, dessen Kesselschmiede, Maschinenfabrik und Metallgießerei Erbauerin der Gaswerke in Giebichenstein war, gründete 1872 die Francke Werke AG (1875 Verlegung des Werkes in die Bachstraße. 1908 erneut Bau eines größeren Werkes Am Seefelde. Hergestellt wurden Maschinen, Apparate, Gasbehälter, Großtankanlagen, Transportanlagen, Hebezeuge, Einrichtungen für Gaswerke, chemische Fabriken und die Mineralöl- und Fettindustrie, außerdem Projektierung von Gas- und Wasserwerken, Kanalisations- und Kläranlagen sowie Instandsetzung von Lokomotivkesseln. Umgewandelt 1921 in eine KGaA, 1925 in eine AG. Notiert im Freiverkehr Hamburg. In der Spitze beschäftigten die Francke-Werke fast 2.000 Leute. 1955 Konkurs. (Quelle: http://www.gutowski.de/Katalog-50/HTML-Katalog/50._Auktion_Lose_55-984.htm) – Des Weiteren gründete Francke 1892 auch die Firma „Brema AG Central-Verwaltung von Gas-, Wasser- und Elektricitäts-Werken“

[3]Über die Gaswerk Giebichenstein AG berichtet das „Handbuch der Aktiengesellschaften Jahrgang 1914/1915“, II. Band (Verlag für Börsen- und Finanzliteratur A.-G., Berlin-Leipzig-Hamburg, 1915) folgendes:Gaswerk Giebichenstein AG, Sitz in Bremen, Am Seefelde.
Gegründet: 12.8.1897. Gründer s. Jahrg. 1900/1901.
Zweck: Erwerb, Erbauung und Veräußerung von Gas- und Elektrizitätsanstalten, Betrieb von Bank- und Handelsgeschäften jeder Art. Gaskonsum 1907/08—1913/14: 912317, 1 028 072, 1 093 558, 1169 419, 1 209 167, 1 263 289, 1 307 707 cbm.
Kapital: M. 500 000 in 500 Vorz.-Aktien ä M. 1000. Vorher bis 1904: 500 St.-Aktien.
Die G.-V. v. 12.1.1905 beschloss Schaffung von Vorz.-Aktien bzw. Zuzahl. von M. 350 auf jede St.-Aktie, ferner Ausg. von Genussscheinen. Die Vorz.-Aktien genießen 4% Vorz.-Div. Die Genussscheine werden zu M. 350 ausgelost. Im Falle der Liquid, erhalten die noch nicht getilgten Genussscheine, vor den Vorz.- u. St.-Aktien vorweg volle Befriedigung bis zum Nennbetrage von M. 350. Aus dem dann verbleibenden Vermögen erhalten die Vorz.-Aktien vorweg 100 °/o u- alsdann die St.-Aktien 100%. ihres Nennwertes. An dem etwaigen Überschusse nehmen die Aktien beider Gattungen mit gleichem Rechte teil.
A.-K. somit von .1905—1912: M. 500 000 in 473 Vorz.-Aktien u. 27 St.-Aktien ä M. 1000.
Die G.-V. v.26.9.1912 beschloss Zus.legung der M. 27 000 St.-Aktien von 2: l u Gleichstellung der zus.gelegten Aktien mit den Vorz.-Aktien. Erhöh, des A.-K. auf M. 500 000 durch Ausgabe von 13 Aktien.
Hypoth.-Anleihe: M. 400 000 in 5% Oblig. von 1909. Die 42 % Stücke der alten Anleihe im Betrage von M. 225 000 wurden zum 1./5. 1909 gekündigt, doch konnten dieselben in 5 % Stücke umgetauscht werden. Aufgenommen zur Erweiterung, des Gaswerks.
Geschäftsjahr: 1.6.—31.5. Gen.-Vers.: Im I. Geschäftshalbj. Stimmrecht: 1 Aktie = 1 St. Gewinn-Verteilung: b°l0 z.Ti.-F., dann 4% Div. an Vorz.-Aktien, vom Übrigen die Hälfte zur Zurückzahl, von Vorz.-Aktien, Rest gleichmäßig auf alle Aktien bis zus. 8%, dann je 10% Tant.
a) an A.-R.,
b) Centralverwalt. von Gas-, Wasser- u. Elektrizitätswerken, G.m.b.H.,
c) weiterer Rest gleichmäßig auf sämtl. Aktien.
Bilanz am 31. Mai 1914: Aktiva: Gaswerksanlage 1 059 148, Kassa, Debit. u.
Bankguth. 23 326, Lagervorräte u. vorausbez. Versich.-Präm. 43 909, Anleihebegeb.-Kto 13 000, Beteilig. 50 000. — Passiva: 500 000, Anleihe u. Kredit. 417 533, Vorträge für Diverse 26 998. R.-F. 63 156. Ern.-F. 147 500, Reingewinn 34 196. Sa. M. 1 189 384.
Gewinn- u. Verlust-Konto: Debet: Betriebs-Unk. 167 361, Abschreib. 18 600,
Reingewinn 34 196 (davon Spez.-R.-F. 33 843, Vortrag 352). — Kredit: Vortrag 202, Einnahmen aus Gas, Nebenprodukten u. Installationen 219 955. Sa. M. 220158.
Dividenden: (St.-Aktien 1897/98—1909/1910: 0%; 1910/11—1911/12: 1, 1% –
—Vorz.-Aktien 1904/1905: 4%p.r.t; 1905/06—1913/14: 4, 4, 4, 4, 4, 5, 5, 5,0%.
Coup.-Verj.: 4 J. (K.)
Direktion: Rich. Dunkel.
Aufsichtsrat: (5—7) Vors. Fritz Francke, Bremen; Carl Francke sen., Aug. Veit, Bremen; Architekt Hermann Pfeiffer, Giebichenstein; Hotelier Rohde, Bad Wittekind.
Zahlstellen: Bremen: Ges.-Kasse, Disconto-Ges., Deutsche Nationalbank.
(Informationen freundlicher Weise bereitgestellt durch Volker Malik, 91607 Gebsattel)

[4] Hier erwähnte Quelle(n) im Bestand des Stadtarchivs Halle / Saale; Text mehrheitlich das Rechercheergebnis des Stadtarchivs Halle (Saale) zur Person des Carl Blohm

[5] Ebda

[6] Ebda

[7] Ebda

[8] Ebda

[9] Ebda

[10] © „2012 Microsoft Corporation Bilder mit freundlicher Genehmigung der Simmons“ / Download 3.6.2012

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